Samstag, 1. Juli 2023

17. Tag: Ruhetag in Göteborg

 1.Juli 2023

Der nördlichste Punkt unserer Reise ist erreicht. Kilometer- und zeitbezogen ist es so ziemlich die Hälfte. Ab Morgen geht es wieder in Richtung Heimat. Na ja, da fehlen noch ein paar hundert Kilometer.

Was das Wetter betrifft, hatten wir bisher unwahrscheinlich Glück. Ein Bilderbuchsommer für skandinavische Verhältnisse - mal abgesehen von den Sturmtagen.

Das soll nun für eine Woche anders werden. Heute Morgen alles grau in grau. Dann am Nachmittag der Dauerregen. Der soll uns die nächsten Tage erhalten bleiben. Mal sehen.

Auf jeden Fall ein idealer Stadt-, Kultur- und Museumstag.

Zuerst haben wir den Dom angeschaut.


Protestantischer geht nicht. Der Dom ist aus dem 19.Jahrhundert, nachdem der alte abgebrannt ist. Um so erstaunlicher, dass man damals noch auf die "Promiboxen" links und rechts des Chorraumes wert gelegt hat. Zu Zeiten des Adels, mag die 2 Klassengesellschaft vor Gott noch angehen, aber im 19. Jahrhundert? Und dann noch die Vorhänge vor den Fenstern!! Was haben die "Pfeffersäcke" dahinter gemacht? Austern geschlürft, Geschäfte, Ehen angebahnt, - oder einfach nur geschlafen?

In einer halben Stunde beginnt ein Konzert, danach noch ein Orgelkonzert. Friederike will bleiben und sich die Konzerte anhören. Ich hatte eigentlich das Stadtmuseum auf dem Plan. 
Friederike wird Euch nachher vom Konzert erzählen.

Das Stadtmuseum ist riesig, und recht modern inszeniert. Ein Teil Frühgeschichte, ein Teil Wikinger, und dann 400 Jahre Stadtgeschichte.
Die Wikinger Geschichte ist auch hier etwas seltsam. Einerseits durchaus kritisch, was die "Konstruktion" der Wikinger betrifft. Es wird erwähnt, dass der Begriff im 19.Jahrhundert erfunden wurde, bzw. erstmals auftauchte, - ein bisschen so wie beim Keltenrummel. 
Woher der Begriff genau stammt ist nach wie vor unklar, die Macher der Abteilung bieten 6 Varianten an, von denen mir 2 noch am logischten erscheinen. Vik = die in der Bucht ankern, oder eine Geographische Bezeichnung für eine Gegend in der Nähe von Oslo. 
Richtig auch, dass mit d e n Wikinger 1066 mehr oder weniger Schluss war. Im 19. Jahrhundert begann die Romantisierung und die Erfindung der behörnten Krieger. 
Aber was dann nervt ist die völlig unkritische Übernahme der "Götter- und Heldengeschichten" aus der Edda.


Diese Fantasiegötter sind eindeutig den Schachfiguren nachempfunden, die wir damals in Edinburgh gesehen haben.


Die Zitate aus der Edda stehen daneben, ohne auch nur den geringsten quellenkritischen Kommentar. Wenn wir davon ausgehen, dass die sogenannten Wikinger bereits im 8. Jahrhundert christianisiert wurden , und dass die beiden Eddas in ihrer verschriftlichten Form aus dem 13. Jahrhundert stammen, deutet eine sehr lange Tradition der Stilisierungen an, dass sie  mehr mit der Zeit zu tun haben, aus der sie stammen als damit, wovon sie erzählen. Die Eddas und die Niebelungen haben ja viele Überschneidungen sind aber in Ton und Intention aus dem Geist des Hochmittelalters und singen keineswegs die "uralten" Weisen weiter. Und was man dann im 19. Jahrhundert - im Jahrhundert der Suche nach nationalen Identitäten brauchte, ist wiederum etwas ganz anderes als was das Hochmittelalter an ideologischen Fundamenten brauchte.
Spannend bleibt die Geschichte um die Wikinger allemal.
Aber auch was den "plötzlichen" Reichtum der Götheborger anbelangt, erzählt das Stadtmuseum die Geschichte nicht falsch aber auch nicht wirklich zeitkritisch. Da gab es halt die Superreichen, die mit der ganzen Welt Handel treiben  - vor allem die der Ostasienhandelsgeschaften,


Porzellan halt, Tee und Lackschächtelchen, alles ganz harmlos.

Auch wird erwähnt, dass der Handel mit Heringen, vor allem in der eingelegten Form des Sill, eine enorme Einnahmequelle war. Am Rande ein Zitat von Linné, dass Göteborg "reich" an Arbeitskräften war, die unter erbärmlichen Bedingungen  den Wohlstand anderer schufen. Natürlich gibt es vom übergroßen Teil der Bevölkerung einer Stadt keinerlei Artefakte, die älter als 100 Jahre sind. Und natürlich sind die Stadtmuseen auf der ganzen Welt voll gepackt mit den "Gütern" des wohlhabenden Bürgertums und des Adels, aber immerhin hier in Göteborg wird auch ein wenig auf die andere Seite eingegangen.

Inzwischen hat im Dom das Orgelkonzert begonnen, von dem ich auch noch eine halbe Stunde mitbekommen habe. 
Am Nachmittag noch der gemeinsame Besuch der Kunsthalle und des Kunstmuseum der Stadt. 
In der Kunsthalle eine Sonderausstellung von Göteborger Kunstschaffenden, das Eingangsbild versprach mehr, als die Ausstellung dann schließlich bot.


Das Kunstmuseum ist riesig und bietet einen beachtlichen Querschnitt durch alle Epochen, hochwertig und schön präsentiert. Nur die stark gehypte Ausstellung der "Göteborger Coloristen" hat mich eher kalt gelassen. Z.T. wirklich sehr starke Arbeiten, aber es war nicht wirklich eine Schule, 2 Göteborger Professoren haben mit ihren Vorstellungen von "Farbe" eine Generation geprägt, eine Generation von etwas zu spät gekommenen Impressionisten mit Hang zu Romantik und Symbolismus. Dass 3 der 5 psychisch erkrankten, zum Anlass zu nehmen, um über "Genie und Wahnsinn" zu spekulieren, hat mich eher peinlich berührt.


Was mir an der ständigen Sammlung sehr gut gefallen hat, sind die "Einsprengsel" moderner Kunst. D.h. in jedem Saal waren auch Kommentare zur Kunstgeschichte von zeitgenössischen Künstlern.  Das ist keine Erfindung von Göteburg, aber hier wirklich sehr pfiffig umgesetzt.


Zum Beispiel in einem Raum mit Bildern von Bürgerportraits aus dem 18. und 19. Jahrhundert eine Fotografie von heute.

Oder Plastiken im Kontrast zur Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts.


Und immer wieder sehr schöne Wolkenbilder. Das hätte Dir gefallen, Barbara





Aber vielleicht hat Friederike alles ganz anders gesehen.

frieda) Zuerst einmal habe ich anderes gehört. 
Nämlich als erstes den Trompeter vom Glockenturm der Domkirche:



Laut Programm, das ich aber nicht ganz entziffern konnte, hat er Psalmvertonungen, Kirchenlieder und Volksweisen gespielt. Es war sehr schön. Die dicke schwarze Wolke hat sich gleich wieder verzogen, die Sonne kam heraus, Leute sind stehen geblieben, haben sich die Bank gesetzt, sich begrüßt und geplaudert und irgendein Onlinespiel war in der ganzen Stadt zugange und verkleidete Gruppen sind des Weges gekommen. 

Dann als zweites das Orgelkonzert: klassisches aus dem 17. und 18. Jahrhundert, "Arrangements von Alexandre Guilmant, geschrieben für Orgel im Palais du Trocadéro" sagt mein Google-Übersetzer. Bach, Händel, Couperin u.a. Auch das war sehr schön und es hat gut getan "einfach mal zu sitzen und zu hören"( frei nach Astrid Lindgren). Die Atmosphäre in der Domkirche hat mir gut gefallen und durch die Fenster hat ganz mild das Licht in verschiedenen Abtöungen hereingescheint.

Weiter ging's mit Kunst zum schauen:


Viel modernes, viele Installationen , viel Kunst von Frauen.
Und hier das Bild extra für uns zur Weiterfahrt: 
"Cyclister", lustiges Fahrradfahren im Sonnenschein und ganz schnell


Vor der Kunsthalle war noch eine Installation "Migrantenlager" aufgebaut, interessante Sprüche und ein Wirrwar von Dingen und Herr Hasselblad persönlich- der berühmte Sohn der Stadt,der sicher schon seit vielen Jahrzehnten hier steht, hat eine Banane auf den Kopf bekommen:







Es geht um träumen und zusammenstehen, um Leid, Not, Verlangen und um:
"Mit List kommst du weit, mit Lust kommst du weiter" (die kleine schwarze Schrift an dem Baumhäuschen)
Treten wir also morgen frühlich in die Pedale, der Regen läßt sich sowieso nicht überlisten.

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Eine kleine Schlussbetrachtung

 Frieda) Also dass es zuhause doch am schönsten ist, kann ich nur bestätigen. Vor allem dann, wenn man weg war, und wenn man soooo lange weg...